Wiener Café
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WIENER CAFÉ ALS SOZIALES MEDIUM     >>

Alle Worte führen ins Wiener Café. „Gemma auf an Kaffee? Gehen wir auf einen Kaffee? Treffen wir uns auf einen Café? Gehen wir wieder einmal auf einen Kaffee?!“

So etwa lauten die Worte des Wieners beim Netzwerken. Rund um den Kaffee in einem Wiener Café gibt es Kennenlernen, Abtasten, Verhandeln, Plauschen, Abschließen. Das Café – ein Basar der menschlichen Beziehungen diesseits von Twitter, Facebook und Co.

Dabei heißt „Auf einen Kaffee gehen“ gar nicht, dass man auch wirklich einen Kaffee trinkt! Es bedeutet, dass man gemeinsam etwas bespricht oder einfach zwecks Entspannung plaudert. Der Kaffee als symbolisches Medium des informellen Kommunizierens. Aber auch als Drehscheibe für Angebote und Nachfrage, quasi ein Schmiermittel des Informationsmarktes. Wo moderne Büroeinrichter mittlerweile erkennen, wie wichtig informelle Kommunikation für das Funktionieren eines Gesamtsystems ist, weiß man das im Wiener Café schon seit mehr als 300 Jahren!

Kommunikation ist das Lebensmittel des sozialen Gefüges. Und sie funktioniert am besten, wenn sie etwas Unverbindliches in sich trägt. Reden im Wiener Café ist ein Abstecken der Gewissheiten, ein Tasten im Raum des Unbekannten, ein Eintauchen in einen Markt von Gerüchten, Halbwissen und Fakten.

Wiener Café als heisse Schnittstelle

Wo sonst sprechen sich Nachrichten so schnell herum, ohne dass sie irgendwo schriftlich dokumentiert sein müssen? Was ja hieße, dass der Urheber einer Nachricht dingfest gemacht werden könnte und die Nachricht also erst gar nicht entstünde. Nicht so im Wiener Café, dort wird geraunt, gewispelt, gemutmaßt und angedeutet. Und schließlich wird mit bedeutungsvollem Blick die endgültige Aufforderung zum Weitersagen gegeben: „Und bitte, du weißt ja, das bleibt absolut unter uns!“

Das Wiener Café – ein Wikileaks der Ministerialbürokratie! Besonders im Café Ministerium. Ja, das gibt es!

Das Wiener Café ist ein Raum zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Man ist nicht zu Hause und doch nicht unter freiem Himmel. Hier sitzt man unter anderen Menschen, um richtig allein sein zu können. (Alfred Polgar über den Caféhausbesucher: „Seine Bewohner sind (…) Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen (…).“siehe unten ).

Das Wiener Café ist gewissermaßen die vorweggenommene dialektische Auflösung des sozialen Elends der Social Media: Sucht man in den sozialen Netzen Kontakt, weil man isoliert ist, so geht man ins Kaffeehaus, weil man Gesellschaft braucht, um allein sein zu können! So gerät aus der Sicht des Kaffehausbesuchers das Internet quasi zur sozialen Bedürfnisanstalt. Und das noch schriftlich dokumentiert! Wie arm!
„Herr Ober, gehn’s, no a Melange bitte!“ (Text: Bernhard Morawetz, geschrieben in einem Wiener Café)

Lust auf mehr Wiener Kaffeehauskultur? Siehe ‚Special Tours’ und „Tour de café“.

ALFRED POLGAR: THEORIE DES „CAFÉ CENTRAL“

Das Café Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Was sieht man schon? Doch davon später. So viel steht erfahrungsgemäß fest, daß keiner im Central ist, in dem nicht ein Stück Central wäre, das heißt, in dessen Ich-Spektrum nicht die Centralfarbe vorkäme, eine Mischung aus Aschgrau und Ultra-Stagelgrün. Ob der Ort sich dem Menschen, der Mensch dem Ort angeglichen hat, das ist strittig. Ich vermute Wechselwirkung. „Nicht du bist der Ort, der Ort, der ist in dir“, sagt der Cherubinische Wandersmann.

Wenn man alle Anekdoten, die von diesem Kaffeehaus erzählt werden, zerstampft, in die Retorte gibt und vergast, wird sich ein trübes, irisierendes, leicht nach Ammoniak riechendes Gas entwickeln; die sogenannte Luft des Café Central. Sie bestimmt das geistige Klima dieses Raumes, ein ganz besonderes Klima, in dem das Lebensunfähige, und nur dieses, bei voller Wahrung seiner Lebensunfähigkeit gedeiht. Hier entwickelt Ohnmacht die ihr eigentümlichsten Kräfte, Früchte der Unfruchtbarkeit reifen, und jeder Nichtbesitz verzinst sich. Ganz erfassen wird das ja nur ein richtiger Centralist, der, in sein Kaffeehaus gesperrt, die Empfindung hat, ins rauhe Leben hinausgestoßen zu sein, preisgegeben den wilden Zufällen, Anomalien und Grausamkeiten der Fremde.

Das Café Central liegt unterm Wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindschaft so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Ihre Innenwelt bedarf einer Schicht Außenwelt als abgrenzenden Materials, ihre schwankenden Einzelstimmen können der Stütze des Chors nicht entbehren. Es sind unklare Naturen, ziemlich verloren ohne die Sicherheiten, die das Gefühl gibt, Teilchen eines Ganzen (dessen Ton und Farben sie mitbestimmen) zu sein. Der Centralist ist ein Mensch, dem Familie, Beruf, Partei solches Gefühl nicht geben: Hilfreich springt da das Caféhaus als Ersatztotalität ein, lädt zum Untertauchen und Zerfließen. Verständlich also, daß vor allem Frauen, die ja niemals allein sein können, eine Schwäche für das Café Central haben. Es ist ein Ort für Leute, die um ihre Bestimmung, zu verlassen und verlassen zu werden, wissen, aber nicht die Nervenmittel haben, dieser Bestimmung nachzuleben. Es ist ein rechtes Asyl für Menschen, die die Zeit totschlagen müssen, um von ihr nicht totgeschlagen zu werden. Es ist der traute Herd derer, denen der traute Herd ein Greuel ist, die Zuflucht der Eheleute und Liebespaare vor den Schrecken des ungestörten Beisammenseins, eine Rettungsstation für Zerrissene, die dort, ihr Lebtag auf der Suche nach sich und ihr Lebtag auf der Flucht vor sich, ihr fliehendes Ich-Teil hinter Zeitungspapier, öden Gesprächen und Spielkarten verstecken und das Verfolger-Ich in die Rolle des Kiebitz drängen, der das Maul zu halten hat. Das Café Central stellt also eine Art Organisation der Desorganisierten dar.

In diesem gesegneten Raum wird jedem halbwegs unbestimmten Menschen Persönlichkeit kreditiert – er kann, bleibt er nur im Weichbilde des Caféhauses, mit diesem Kredit seine sämtlichen moralischen Spesen bestreiten – und jedem, der Verachtung bezeugt vor dem Gelde der anderen, die Unbürgerkrone aufgesetzt.

Der Centralist lebt parasitär auf der Anekdote, die von ihm umläuft. Sie ist das Hauptstück, das Wesentliche. Alles übrige, die Tatsachen seiner Existenz, sind Kleingedrucktes, Hinzugefügtes, Hinzuerfundenes, das auch wegbleiben kann.

Die Gäste des Café Central kennen, lieben und geringschätzen einander. Auch die, die keinerlei Beziehung verknüpft, empfinden diese Nichtbeziehung als Beziehung, selbst gegenseitiger Widerwille hat im Café Central Bindekraft, anerkennt und übt eine Art freimaurerischer Solidarität. Jeder weiß von jedem. Das Café Central ist ein Provinznest im Schoß der Großstadt, dampfend von Klatsch, Neugier und Médisence. So wie die Stammgäste in diesem Caféhaus, mögen, denke ich, die Fische im Aquarium leben, immer im engsten Kreise umeinander, immer ohne Ziel geschäftig, die schiefe Lichtbrechung ihres Mediums zu mancherlei Kurzweil nützend, immer voll Erwartung, aber auch voll Sorge, daß einmal was Neues in den glänzenden Bottich fallen könnte, auf ihrem künstlichen Miniaturmeeresgrund mit ernster Miene „Meer“ spielend, und ganz verloren, wenn, Gott soll hüten, das Aquarium in ein Bankhaus verwandelt würde.

Irgendwelche Scheu oder Heimlichkeit haben die Centralfische, die so viele Stunden ihres Lebens die gleichen paar Kubikmeter Atemraum teilen, natürlich nicht mehr: Der richtige Centralist führt das Privatleben der andern und treibt mit dem eigenen keine Hehlerei. Das schafft, unterstützt von der ortsüblichen Neigung zum Selbstspott und zur gelassen Preisgabe der eigenen Schwächen, eine Sphäre verschwebender Gemütlichkeit, in der jederlei Prüderie welkt und abstirbt. Es gibt Centralgäste, die psychisch nackt gehen, ohne daß ihre kindlich-unschuldsvolle Blöße eine Mißdeutung als schamlos zu befürchten hätte. Diesem paradiesischen Einschlag in den Charakter seiner Stammgäste hat vor einigen Jahren der Besitzer des Cafés durch Aufstellen einer Palme Rechnung zu tragen versucht. Die Tochter aus dem Morgenland hat aber das Klima der Örtlichkeit, trotz dessen ziemlich östlichem Charakter, nicht vertragen. Sie wurde klein gehackt, und ihre zerteilte Substanz fand in der Küche – ob als Brennstoff oder als Mokkabohnen, darüber sind sich die Forscher nicht einig – Verwendung.

Teilhaftig der eigentlichsten Reize dieses wunderlichen Caféhauses wird allein der, der dort nichts will als dort sein. Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt. Der Gast mag vielleicht das Lokal gar nicht und mag die Menschen nicht, die es lärmend besiedeln, aber sein Nervensystem fordert gebieterisch das tägliche Quantum Centralin. Mit Gewöhnung allein ist das kaum zu erklären, auch nicht damit, daß es den Centralmenschen, wie den Mörder an den Ort der Tat, immer dorthin ziehe, wo er schon so viel Zeit totgeschlagen, ganze Jahre ausgerottet hat. Also was denn ist es? Das Fluidum! Ich kann nur sagen: das Fluidum! Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, nur an den Tischen des Müßigganges, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzlüften umweht, wird ihrer Trägheit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. Es gibt Dichter und andere Industrielle, denen nur im Café Central der verdienende Gedanke kommt, Hartleibige, denen nur dort die Tür der Erlösung sich öffnet, erotisch seit langem Appetitlose, die nur dort Hunger verspüren, Stumme, die nur im Central ihre oder eines andern Sprache finden, Geizige, deren Gelddrüse nur dort secerniert.

Dieses rätselvolle Caféhaus beschwichtigt in den friedlosen Menschen, die es besuchen, etwas, das ich: das kosmische Unbehagen nennen möchte. An dieser Stätte der lockeren Beziehungen lockert sich auch die Beziehung zu Gott und den Sternen, die Kreatur entschlüpft ihrem Zwangsverhältnis zum All in ein pflichtloses sinnliches Gelegenheitsverhältnis zum Nichts, die Drohungen der Ewigkeit dringen nicht durch die Wände des Café Central, und zwischen diesen geniessest du der holden Wurschtigkeit des Augenblicks.

Über das Liebesleben im Café Central, über den Ausgleich der sozialen Unterschiede in ihm, über die literarischen und politischen Strömungen, von denen seine ausgefransten Küsten bespült werden, über die in der Centralhölle Verschütteten die dort sehnsüchtig ihrer Ausgrabung harren, hoffend, daß sie nie stattfinden werde, über das Maskenspiel von Witz und Dummheit, das in jenen Räumen jede Nacht zur Fastnacht wandelt, über dies und anderes wäre noch viel zu sagen. Aber wer sich für das Café Central interessiert, der weiß das alles ohnehin, und wer sich nicht für das Café Central interessiert, an dessen Interesse haben wir keines.

Es ist ein Caféhaus, nehmt alles nur in allem! Ihr werdet nimmer solcher Örtlichkeit begegnen. Von ihr gilt, was Knut Hamsun im ersten Satz seines unsterblichen „Hunger“ von der Stadt Christiania sagt: Keiner verläßt sie, den sie nicht gezeichnet hätte.